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Desertion und Kriegsdienstverweigerung im NS-Staat
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Desertion und Kriegsdienstverweigerung aus bzw. in der Wehrmacht
waren wesentlicher Teil des Widerstands gegen den deutschen Faschismus und gegen den Vernichtungskrieg der Wehrmacht. Während die
Bundesregierung vor allem das ehrende Gedenken an den militärischen
Widerstand der Attentäter des 20. Julis betont, kommt es uns darauf an,
konsequente Formen des Widerstands zu dokumentieren,
darunter vor allem den Widerstand der Kriegsdienstverweigerer und
Deserteure, die sich unter Einsatz ihres Lebens der
Teilnahme an Verbrechen der Wehrmacht entzogen haben. Die
NS-Militärjustiz verhängte ca. 46.000 Urteile gegen
"Wehrkraftzersetzer", "Kriegsverräter", Deserteure und
Kriegsdienstverweigerer, darunter
mindestens 30.000 Todesurteile, von denen 20.000 vollstreckt wurden.
Ungeliebt von Staatsmacht und Öffentlichkeit, weil ihre konsequente
Haltung zugleich bloßstellt, dass ein großer Teil der Soldaten der
Wehrmacht sehr wohl mitschuldig an den Verbrechen des NS-Staats
geworden sind, ist es bis heute möglich, dass überlebende
Wehrmachtsdeserteure von Bundeswehrangehörigen als "Straftäter" bezeichnet werden, obwohl sie weitgehend rehabilitiert und die Urteile gegen sie aufgehoben sind. Hier ein Beitrag, den Ludwig Baumann,
überlebender Wehrmachtsdeserteur und der Vorsitzende der
Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, noch vor der
Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure durch den Bundestag verfasst
hat: Ludwig Baumann gibt darin die wichtigsten Tatsachen über
Wehrmachtsdeserteure wieder und beschreibt darin das
Wehrmachtsdeserteuren jahrzehntelang feindliche politische Klima in der
Bundesrepublik und die weitverbreiteten Vorurteile gegen sie.
Nach langen Jahren der Auseinandersetzung wurden die
Wehrmachtsdeserteure am 17. Mai 2002 durch den Bundestag pauschal
rehabilitiert.
Das "Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Urteile in der
Strafgesetzgebung" wurde am 23. Juli 2002 verkündet. Mit dem
Bundestagsbeschluss vom 28. Mai 1998 waren zwar NS-Unrechtsurteile schon zuvor aufgehoben worden, die Wehrmachtsdeserteure
hatten sich jedoch weiterhin der diskriminierenden Praxis einer
Einzelfallprüfung unterziehen müssen. Widerständler, die wegen "Kriegsverrat" verurteilt wurden, sind ausdrücklich von der 2002 vorgenommenen Rehabilitierung ausgenommen. Sie sind immer noch nicht pauschal rehabilitiert.
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Kontroversen in der Gedenkpolitik
Seit der "Wende" und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik
haben sich die Kontroversen in der Geschichts- und Gedenkpolitik
verändert. Wenn von den "zwei deutschen Diktaturen" die Rede ist, läuft
das zumeist auf eine Gleichsetzung des totalitären NS-Staates und der DDR hinaus. Wenn es
um ein Gedenken für die Opfer des Stalinismus
geht, ist vielfach nicht zusätzliches Gedenken gemeint, sondern ein
Gedenken für diese Opfer statt der Opfer des Faschismus. Auf Gedenkorte,
an denen zunächst Verfolgte des
NS-Regimes, später aber durch die Besatzungsmacht oder die Behörden
der DDR andere Menschen inhaftiert waren, trifft das ganz besonders zu.
Besonders problematisch ist dabei, dass unter den nach 1945
Inhaftierten auch
(aber eben nicht nur) NS-TäterInnen waren. Deren
Strafverfolgung erfolgte nicht zu Unrecht, sondern
lediglich die Verfahrensweise war Unrecht, insofern, als sie keinen
rechtsstaatlichen Prinzipien unterworfen war.
Ein zentraler Ort der Verfolgung von Wehrmachtsdeserteuren ist Torgau,
wo seit 1943 das Reichskriegsgericht gewütet hatte. In Torgau wurden über 1.000
Todesurteile verhängt, in Torgau Fort-Zinna litten die Inhaftierten
unter unmenschlichen Bedingungen. Später befand sich hier ein
sowjetisches Speziallager, in dem neben Unschuldigen auch Kriegsrichter
und Angehörige der Gestapo inhaftiert waren. Der Deutsche Bundestag
forderte wegen der schwerer wiegenden Verfolgung, "in Torgau den
Schwerpunkt auf das Bewahren der Erinnerung an die Opfer der
Wehrmachtsjustiz zu legen". Seit 2004 geschieht das genaue
Gegenteil: Ihrer soll möglichst wenig gedacht werden, und die
Verstrickung späterer Inhaftierter in NS-Verbrechen soll, geht es nach
der neuen sächsischen Gedenkpolitik, am besten unerwähnt bleiben. Wir dokumentieren die Stellungnahme
von Ludwig Baumann und Manfred Messerschmidt anlässlich der Eröffnung
der Gedenkausstellung im Frühling 2004. Ludwig Baumann, Vorsitzender
der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, war als
Wehrmachtsdeserteur selbst in Torgau in Haft. Der inzwischen emeritierte Prof. Dr. Manfred
Messerschmidt ist Militärhistoriker und Vorsitzender des
Wissenschaftlichen Beirats der Bundesvereinigung Opfer der
NS-Militärjustiz.
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Foto: Michael Behrendt
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Deserteursehrungen
Seit Mitte der 90er Jahre werden durch die Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär
Wehrmachtsdeserteure, Kriegsdienstverweigerer der Wehrmacht und
Wehrkraftzersetzer geehrt. Beteiligt waren FreundInnen und MitarbeiterInnen der Berliner und Potsdamer Kampagne, darunter der Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann und andere Gastredner, wie Wolfgang Kaleck für den Republikanischen Anwälte- und Anwältinnenverein und Franz von Hammerstein für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Da die Ehrungen
zumeist im Anschluss an die offizielle Gedenkveranstaltung der
Bundesregierung stattfinden, sind die Gäste der offiziellen Ehrung eingeladen, der Deserteure, quot;Wehrkraftzersetzer" und Kriegsdienstverweigerer zu gedenken. Die Einladung wurde bisher vielfach angenommen.
Seit der gerichtlichen Aufhebung des vor einigen Jahren eingeführten "Sondernutzungsbereichs", mit dem die Bundeswehr Hausrecht auch über die Gedenkstätte Deutscher Widerstand eingeräumt bekam, findet die
Kranzniederlegung auch wieder in einem würdigen Rahmen statt. Kranzniederlegung am 20. Juli 2006
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Kriegsdienstverweigerung in der Wehrmacht
"Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben", dieser
Ausspruch Adolf Hitlers galt im Zweifelsfall auch für
Kriegsdienstverweigerer und "Wehrkraftzersetzer". Auch sie unterlagen
der NS-Militärgerichtsbarkeit und wurden vielfach hingerichtet. Ein
Kriegsdienstverweigerer, der nach dem Ende des NS-Staats weltweit
bekannt wurde, ist der österreichische Bauer Franz Jägerstätter. Er
wurde 1943 wegen seiner religiös motivierten Verweigerung hingerichtet.
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| ... wurde Franz Jägerstätter als Kriegsdienstverweiger und "Wehrkraftzersetzer" zum Tode verurteilt.
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Franz Jägerstätter
gilt als beispielhaft für den pazifistisch motivierten Widerstand gegen
den Vernichtungskrieg der Wehrmacht. Mehr über ihn erfährt man
beispielweise im Film "Der Fall Jägerstätter" von Axel Corti, der gelegentlich noch zu sehen ist, und in dem preisgekrönten Radio-Feature von Klaus Ihlau "Besser die Hände gefesselt als der Wille". Darüber hinaus ist auch
eine Ausstellung über Leben und Werk von Franz Jägerstätter verfügbar (Friedensbibliothek / Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin).
Seit Anfang der 90er Jahre bemühte sich eine Gedenktafelinitiative um Anbringung einer Tafel am ehemaligen Reichskriegsgericht in der Berliner Witzlebenstraße.
Lothar Eberhardt, einer der Initiatoren der Gdenktafelinitiative Franz Jägerstätter, deren Mitgründer die Kampagne war, nahm
am 6. Juli 1994 die symbolische Enthüllung der Gedenktafel an der Umfriedung des Gebäudes vor.
1995 wurde endlich nach beharrlichem Kampf die genehmigte Bronzetafel im Beisein von Franziska Jägerstätter und einem Vertreter der Republik Österreichs angebracht. Allerdings erneut nur provisorisch, da der Text politisch nicht gewollt war (zum ursprünglichen Text). Seit 1997 befindet sich die Gedenktafel mit deutschem und englischen Text an der Umfriedung des Gebäudes der "Blut- und Terrorjustiz". Das Landgericht Berlin hat das Urteil gegen Franz Jägerstätter am 7. Mai 1997 aufgehoben.
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| Das Landgericht Berlin hat das Urteil gegen Franz Jägerstätter am 7. Mai 1997 aufgehoben.
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Der Artikel von Lothar Eberhardt, geschrieben anlässlich der Seligsprechung Franz Jägerstätters im Oktober 2007, illustriert die Auseinandersetzung um die Gedenktafel und ordnet die "Mühen" der Gedenktafelinitiative in den aktuellen Gedenk- und erinnerungspolitischen Diskurs ein .
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ZivilCourage 12/2007: "Gegen den Strom" (1,1 MB) |
Entsorgung des Reichskriegsgerichts
Wie die Geschichte der NS-Militärjustiz entsorgt zu werden droht, zeigt sich im Umgang mit dem Gebäude des ehemaligen Reichskriegsgerichts (RKG) in Berlin-Charlottenburg.
Im Juli 2003 kritisierte die Kampagne, dass der Bund als Eigentümer das Gebäude verfallen lässt und es als Immobilie an einen privaten Investor verkaufen will.
Das Forum Justizgeschichte e.V. kritisierte ebenfalls im März 2004 den geplanten Verkauf. Es fordert die Einrichtung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte, die dem Gedenken an alle Opfer
der NS-Justiz dienen und zugleich an die juristischen Schreibtischtäter
erinnern soll.
Der Verkauf konnte nicht verhindert werden. Der neue Eigentümer Kondor Wessels, ein niederländischer Investor, baute das Gebäude komplett um und schaffte mehr als 100 Luxuswohnungen, die jetzt vermietet sind.
Dazu ein Artikel aus der Berliner Zeitung vom 16.11.07 von Sabine Deckwerth "Schöner Wohnen im alten Reichskriegsgericht".
Zur Entsorgung des Reichskriegsgerichts finden sich Hintergrundbeiträge auf der Homepage des Forums Justizgeschichte e.V.
In der Wochenzeitschrift Freitag (Ausgabe 38/2007) kritisiert Helmut Kramer, Richter am Oberlandesgericht i.R., das "Luxus-Wohnen am Lietzensee".
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