|
|
 |
|
Ausstellung im Schloss Torgau.
Stellungnahme der Bundesvereinigung
der Opfer der NS-Militärjustiz

 |
Sehr geehrte Damen und Herren,
am 9. Mai um 11.00 h soll Dr. Joachim Gauck im Torgauer Schloss eine Dauerausstellung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten für die vor und nach 1945 Verfolgten eröffnen. Die sächsische Gedenkstättenpolitik ist bundesweit in die Kritik geraten. Die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz gibt anlässlich der Ausstellungseröffnung die beigefügte Stellungnahme ab.
Mit freundlichen Grüßen
Günter Knebel
(Schriftführer der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz)
Sachsens Dauerausstellung im Torgauer Schloss verdrängt das Gedenken an NS-Verfolgung
Zusammen mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland haben alle NS-Opferverbände die Stiftung Sächsische Gedenkstätten verlassen, weil diese das Gedenken an die NS-Verbrechen mit der Verfolgung nach 1945 gleichsetzt. Mit dieser Ausstellung wird nun das Gedenken an die NS-Verfolgung an den Rand gedrängt. Wie wir mit Betroffenheit erfahren mussten, ist von den zwei Ausstellungsteilen zur NS-Verfolgung einer "entsorgt" worden. Dafür werden jetzt erstmalig zwei Ausstellungsteile für die nach 1945 Verfolgten als Dauerausstellung im Torgauer Schloss gezeigt. Und dies vor dem Hintergrund, dass an den Opfern der NS-Militärjustiz die blutigste juristische Verfolgung der deutschen Geschichte begangen wurde - allein ca. 30.000 Todesurteile. Der zentrale Ort unserer Verfolgung war Torgau, hier wurden über 1.000 Todesurteile verhängt. Ab 1943 wütete hier das Reichskriegsgericht. Mehrere 10.000 unserer Opfer litten in Torgau Fort-Zinna unter unmenschlichen Haftbedingungen - viele von ihnen verstarben. In Torgau gab es auch nach 1945 eine Verfolgung. Wegen der schwerer wiegenden Verfolgung forderte der Deutsche Bundestag "in Torgau den Schwerpunkt auf das Bewahren der Erinnerung an die Opfer der Wehrmachtsjustiz zu legen" (Protokoll des Deutschen Bundestags, 14. Wahlperiode Drucksache 14/1569, S. 20). Auch die eigene Fachkommission der Stiftung forderte 1996: "Der Schwerpunkt der ständigen Ausstellung soll in räumlicher Trennung auf der Darstellung der NS-Militärjustiz liegen". Dennoch ließ die von den sächsischen Ministern dominierte Stiftung gegen unseren Protest je zwei Ausstellungsteile für die vor und nach 1945 Verfolgten erstellen. Nun erdreistet sie sich, den wichtigsten unserer beiden Ausstellungsteile auch noch zu entsorgen. Wir fordern für die ganz unterschiedlichen NS-Verfolgungen in Torgau in räumlicher Trennung folgende Ausstellungsteile: Verfolgung vor dem 2. Weltkrieg, Verfolgung im 2. Weltkrieg, Verfolgung der Kriegsgefangenen und Zwangsrekrutierten, Verfolgung durch das Reichskriegsgericht ab 1943 und Bleibendes NS-Unrecht an den Opfern der Militärjustiz nach 1945. Denn Sachsen hat unseren Opfern, anders als den nach 1945 Verfolgten, bis heute in Torgau jede Gedenkstätte verweigert. Und bis zur gesetzlichen Aufhebung unserer Urteile im Mai 2002 sind mehr als 99 % unserer Opfer vorbestraft und gedemütigt verstorben - unter Mithilfe Sachsens: Nur Sachsen und Bayern haben im Bundesrat gegen die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure, Wehrkraftzersetzer und Kriegsdienstverweigerer aus Hitlers Krieg gestimmt.
Und so verschweigt die Ausstellung auch, dass die im sowjetischen Speziallager 8 inhaftierten Kriegsrichter und Gestaposchergen (im Januar 1946 allein 498) unsere Opfer verurteilt, gepeinigt, gefoltert und ermordet haben.
Für unsere Opfer ist diese Ausstellung eine Beleidigung.
Ludwig Baumann
(Torgauhäftling)
Prof. Dr. Manfred Messerschmidt
(Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats)
Der vernichtete Ausstellungsteil zeigte als Schwerpunkt die Verfolgung der zwangsrekrutierten Luxemburger, Elsass-Lothringer, Polen und Kriegsgefangenen. Er verdeutlichte besonders, was die NS-Verbrechen an den Alliierten mit der Verfolgung nach 1945 zu tun haben. Das darf ganz offensichtlich nicht mehr gezeigt werden.
An eines dieser Verbrechen möchten wir hier erinnern:
Zum Heiligabend 1944 wurden 11 Luxemburger in Torgau hingerichtet, weil sie nicht für Hitlerdeutschland in den Krieg ziehen wollten. Sie waren blutjung und ihre Abschiedsbriefe an die Eltern können einem das Herz zerreißen.
Michael Braun, erschossen am 22. Dezember 1944
Peter Oth, erschossen am 22. Dezember 1944
Karl Saun, erschossen am 22. Dezember 1944
Karl Schuch, erschossen am 22. Dezember 1944
Josef Schwirtz, erschossen am 22. Dezember 1944
Heinrich Zahlers, erschossen am 22. Dezember 1944
Alois Ehmann, erschossen am 23. Dezember 1944
Michel Fally, erschossen am 23. Dezember 1944
Josef Jacob, erschossen am 23. Dezember 1944
Josef Keller, erschossen am 23. Dezember 1944
Emil Ney, erschossen am 23. Dezember 1944.
An diese Opfer wird in der Ausstellung kein Portrait erinnern.
Nachfragen und Kontakt über die Kampagne.
|

|
|