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Wie der Zapfenstreich so gut in unsere Zeit passt
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Antreten im Fackelschein, Befehle, Yorckscher Marsch, ein Choral, „Helm ab zum Gebet“, Stille – ein archaisches Ritual, längst überholt, ab auf den Müllhaufen der Geschichte! Doch statt entsorgt zu werden, wurde das Ritual recyclet, und bei Licht besehen erweist sich der Große Zapfenstreich – ähnlich wie Gelöbnisse – als funktionaler Bestandteil der modernisierten Bundeswehr. |
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| Nur bei der Probe im Flecktarn - beim Großen Zapfenstreich tragen die Soldaten den "Großen Dienstanzug" und geölte Stahlhelme. Generalprobe am 24.10.2005. Foto: Dirk Frömberg
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Krieg ist als Mittel der Politik wieder denkbar und, wie sich in den letzten Jahren gezeigt hat, auch führbar geworden. Was diskutiert wurde, wird gemacht. Der Weg von den ersten Einsätzen der Bundeswehr out of area in „robuste“ Einsätze wurde von den CDU/CSU-geführten Bundesregierungen gebahnt und von der SPD-grünen Koalition schließlich gegangen. Heute ist Krieg eine Option unter anderen geworden – im Fall des Angriffs gegen Jugoslawien wurde für direkte Kriegsbeteiligung optiert, im Fall des Kriegs gegen den Irak dagegen, was Beihilfe freilich nicht ausschloss. Seit Ende der 80er Jahre fand eine Renaissance des Militärischen statt, deren Ende nicht abzusehen ist. So erleben auch militärische Rituale, vom Militär ohnehin nie aufgegeben, unter den veränderten Bedingungen eine neue Blüte.
Wenn Kriegführung als Mittel der Politik wieder selbstverständlich ist, folgt für die Politik daraus auch, dass breite Teile der Bevölkerung dem nicht nur beifällig zuschauen sollen, sondern dass deren Bereitschaft zu aktiver Beteiligung mobilisiert werden soll. Beteiligung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur, selbst als Wehrpflichtiger oder Berufssoldat Dienst zu leisten, sondern auch die Bereitschaft, mehr zu tun, als die Bundesrepublik bei einem Angriff auf ihrem eigenen Territorium zu verteidigen. Aktive Beteiligung bedeutet, im Zweifelsfall bei Aufgaben, wie sie in den Verteidigungspolitischen Richtlinien (2003) beschrieben sind, und für Ziele, wie sie in den Verteidigungspolitischen Richtlinien (1992) definiert wurden, zu sterben. Und dazu gehören auch Aufgaben und Ziele, die nicht mit dem verfassungsgemäßen ausschließlichen Verteidigungsauftrag übereinstimmen. Beteiligung bedeutet, zu dulden oder sogar zu unterstützen, dass Männer und Frauen zur Bundeswehr gehen und in Einsätzen möglicherweise völkerrechts- und grundgesetzwidrige Befehle ausführen.
Wer aktive Beteiligung mobilisieren will, muss innere Beteiligung erzeugen, d.h.: Emotionen wecken. Militärrituale sind dazu gut geeignet. Speziell der Große Zapfenstreich apelliert ausschließlich und in einer theatralischen Inszenierung an Gefühle: |
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| Halloween am Reichstag. Foto von der Generalprobe für den 26.10.2006 am 24.10. von Dirk Frömberg)
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Der militärische Massenaufmarsch erzeugt bei Dunkelheit und im Schein flackernder Fackeln eine Stimmung, der sich Teilnehmer und ZuschauerInnen nicht entziehen können sollen. Die Szenerie wird lediglich durch Fackeln beleuchtet, und ein Lichtregime schließt Lichtquellen aus, die die Konzentration auf Akteure und Aktion stören könnten, bzw. lässt sie nur insoweit zu, als es für die Kameras der Fernsehsender notwendig ist. Da elektrische Beleuchtung selbstverständlich möglich wäre, hat der bewußte Verzicht darauf eine Bedeutung, er erzeugt ein archaisch, ursprünglich und quasi-religiös wirkendes Bild: eine Gemeinschaft von Männern, die etwas wagen, beleuchtet vom Fackelschein. Die atmosphärische Gestimmtheit und das Gemeinschaftsgefühl, die angesichts offenen Feuers entstehen, hat sich noch niemand entgehen lassen, der Massen beeindrucken wollte. Die unzeitgemäße Form der Beleuchtung wird bewusst eingesetzt, um ans Unterbewusstsein bei Teilnehmenden und Zuschauenden zu appellieren. Und was so in Szene gesetzt wird, eignet sich natürlich auch zu medialer Umsetzung, wer je Szenen aus Filmen von Leni Reifenstahl gesehen hat, weiß, wie schwer man sich beim Zuschauen diesen Eindrücken entziehen kann.
Doch das Licht ist nicht das einzige, was beim Zapfenstreich (religiöse) Gefühle ansprechen soll. Es gibt beinahe kein gesprochenes Wort, sondern nur wenige Befehle, die jeweils in die Stille zwischen Musikstücken einbrechen. Der Zapfenstreich bietet keinen Raum für Reflexion. Reden, denen man zustimmen könnte oder auch nicht, werden nicht gehalten. Die Musikstücke sind bekannt und verbinden nationale (Nationalhymne), traditionell-militärische (Yorckscher Marsch) und religiöse Elemente (Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“). Der Befehl „Helm ab zum Gebet!“ produziert und provoziert religiöse Empfindungen, allein schon durch die suggestive Geste, mit der der Helm in Brusthöhe, d.h. über dem Herzen, gehalten wird. Gebetet wird dann nicht etwa laut, wobei der Einzelne sich für oder gegen ein Mitsprechen entscheiden könnte, sondern es wird für die gefühlte Dauer eines Vaterunsers geschwiegen. Das Ziel solcher Inszenierung ist klar: Identifikation. Sie ähnelt in gewisser Weise einem Gottesdienst, in dem es nur Liturgie gibt und keine Predigt. Kein Wunder, dass ChristInnen sich durch die angemaßte Aneignung gottesdienstlicher Elemente durch das Militär in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen.
Wesentlicher Bestandteil des Großen Zapfenstreichs ist das Vorexerzieren. Einst geschah es zu Ehren des Kaisers, heute – dafür steht die vielseitige Verwendbarkeit des Rituals –zu Ehren von Staatsgästen, von anderen Armeen oder eben anlässlich eines Jubiläums. Auch hierbei ist das Ziel die Auflösung des Individuellen in einer einzigen, gleichgeschalteten Bewegung. Die unmittelbare militärische Bedeutung gleichzeitiger und paralleler Bewegungen z.B. des Gewehrabsetzens ist heute gering, die psychologische hingegen tritt in den Vordergrund. In der synchronisierten Bewegung zeigt sich, dass Soldaten Befehle exakt ausführen und ihre Individualität zugunsten der militärischen Gruppe und im Interesse eines vermeintlichen nationalen Auftrags aufgeben.
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| Die Öffentlichkeit bleibt zu Hause und guckt in die Röhre. Großer Zapfenstreich, Generalprobe am 24.10.2005. Foto: Dirk Frömberg
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Eine eigene Funktion erfüllt auch die massenmediale Aufbereitung des Rituals, von dem ähnlich wie bei den Berliner Gelöbnissen die Öffentlichkeit ausgeschlossen bleibt. Geladene Gäste in einem weiträumig abgesperrten Sondernutzungsbereich sind keine Öffentlichkeit, wahrscheinlich nicht einmal Teil der Gesellschaft – eher wird aus ihnen Gemeinschaft konstruiert. Zwar darf die Öffentlichkeit zuschauen, aber nicht leibhaftig, sondern erst nach medialer Vermittlung. Und das bedeutet: Es wird ein Ausschnitt gezeigt. Während das Auge unmittelbarer BetrachterInnen herumschweift und auch sieht, was es nicht sehen soll – umgekippte Soldaten, die nicht lange genug stehen konnten, einen Minister bei einer uneleganten Bewegung, Publikum, das sich langweilt– erfolgt die Auswahl der von Kameras aufgenommenen und übertragenen Bilder bewusst. Blick und Blickrichtung der Kamera sind nicht neutral, erst recht nicht, wenn es um ein staatstragend zu feierndes Jubiläum geht. Der Ausschluss der kritischen Öffentlichkeit davon, das Militärritual in Sicht- und Hörweite zu begleiten, ist selbstverständlich als undemokratisch zu kritisieren. Der Ausschluss einer unkritischen oder auch nur neutralen Öffentlichkeit, wie er qua Sondernutzungsbereich erfolgt, ist aus demokratischer Perspektive ebenso verwerflich.
Im Großen Zapfenstreich ist die Tradition des Militärs besonders eng mit aktuellen Inhalten und Einsatzplänen verknüpft. Wie der Auftrag, so die Veranstaltung. Wer Kriegseinsätze durchführt und dafür Zustimmung und Rückhalt in der Bevölkerung will, wird das eigene Jubiläum nicht mit einer Reihe von Podiumsdiskussionen begehen, bei denen kontrovers über Sinn und Zweck militärgestützter Politik diskutiert wird. Ein antidemokratisches Ritual, bei dem im wahrsten Sinne des Wortes kein einzelner etwas zu sagen hat, eignet sich viel besser dafür.
Zur Geschichte des Zapfenstreichs Zum Zeremoniell des Zapfenstreichs
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