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Laßt uns Männer machen
Über das militärische Gelöbnis als Initiationsritual


Soldaten sind Männer - jedenfalls meistens. Wenn dies nicht der Fall ist, so handelt es sich um einen höchst politischen Fall von Travestie, vielleicht gar um einen Fall von doppelter Travestie.

Zivile und militärische Disziplinierung greifen im neuzeitlichen Nationalstaat ineinander und ergänzen einander. In dieser Kultur ist die militärische Sozialisation nicht das „ganz andere“ gegenüber der zivilen Sozialisation (Koneffke: „Militärische Sozialisation und pädagogische Kritik.“ In: Gamm (Hg.): Militärische Soziafisation. Darmstadt, 1986). Sie ist vielmehr die Radikalisierung, oder, um es in andere Worte zu fassen, sie ist „lediglich“ die härteste Disziplinierung und Selbstdisziplinierung „des Mannes“. Das Militär kann dabei auf vielfältige Einordnungs- und Unterwerfungsleistungen im Zivilleben zurückgreifen und darauf aufbauen, wie immer vergleichsweise „sanft“ diese zivilen Einordnungs- und Unterwertungsleistungen auch sein mögen. Allerdings wird „der Mann“ dabei gleichsam umstrukturiert und umgebaut. Er wird zunächst teildestruiert, ohne es unbedingt merken zu müssen. Hier, wie in der zivilen Sozialisation, wirkt ein vertrautes Muster: „Du sollst nicht merken.“ (Miller: Du sollst nicht merken. Frankfurt/Main, 1981) Im Militär, besonders in der Grundausbildung, erfolgt systematisch eine Destruktion von Männern zu Teilen der militärischen Männlichkeitsmaschine, zu Teilen eines Mega-Mannes. (Dies gilt auch für Frauen; auch sie werden als weibliche Soldaten zu Teilen einer Männlichkeitsmaschine.)

Die Destruktion erfolgt u. a. mit dem Versprechen, 'richtige' Männer zu machen. Dieses Versprechen, aus jungen Leuten 'richtige' Männer zu machen, fällt auf den Boden einer in unserer Kultur systematisch unsicheren Männlichkeit. (Hagemann-White: Sozialisation: Weiblich - männlich? Opladen, 1984) Der in der alltäglichen Erziehung meist abwesende Vater, die Unsichtbarkeit und Abstraktheit seiner in der Regel außerhäuslichen Tätigkeit bildet hierzu eine wichtige Grundlage. Die verbreitete Folge ist, daß sich der Junge bei seinem Identitätsversuch an der sichtbaren und greifbaren Mutter abgrenzend abarbeitet. Hierbei entsteht ein Dilemma, das wesentlich durch ein doppeltes „Nicht“ bestimmt ist. Das eine „Nicht“ ist dabei vermutlich nicht so schwer nachvollziehbar. Will der Junge ein Mann werden, so geht es für ihn darum, nicht so zu werden wie die Mutter, folglich nicht so zu werden wie eine Frau. Das zweite „Nicht“ ist verborgener; es ist verborgen in der kulturellen Definition von „der Frau“ als Nicht-Mann. Die Frau wird in der euro-amerikanischen Kultur auf all das festgelegt, was „der Mann“ nicht ist. Auf diese Weise wird für den heranwachsenden Jungen sein Geschlecht zweifach 'negativ' definiert (Hagemann-White): Er soll nicht so werden, wie der Nicht-Mann; und das ist im Grunde nur als doppelte Travestie begreifbar. In der historischen Neuzeit hat der europäische Mann durch Abspaltung, Verdrängung und Projektion alles beiseitezuschieben versucht, was nicht herrschaftsfähig macht, also das Weiche, Passive, Fließende, Freundliche, Schwache usw. (Raffay: Abschied vom Helden. Olten, 1989, Richter: Der Gotteskomplex. Reinbek, 1979, Theweleit: Männerphantasien. Frankfurt/Main, 1977). Dies alles ist fortan weiblich codiert.

Durch das doppelte „Nicht“ kommt es zu einer höchst wackeligen männlichen Identität, und das Militär spielt mit traumwandlerischer Sicherheit mit dieser Wackeligkeit, dieser Schwäche. Strukturell wird hier jedoch auch noch etwas anderes greifbar: die partielle Bodenlosigkeit des Vorwurfs an Mütter, daß sie es schließlich seien, die die zukünftigen Soldaten erziehen. Durch die Definition als Nicht-Mann hat man ihnen längst einen wesentlichen Boden dafür entzogen, mehr zu sein, als eine Negativfolie. Erst im bewußten Blick auf dieses Dilemma werden streitbare Alternativen lebbar. - Durch die militärische Sozialisation wird die ohnehin schwache Männlichkeit im Sinne des zweifachen „Nicht“ durch Verweiblichungsangst (Haubl: „’... wo Männer noch Männer sind!’ Zur Sozialisation des Homo clausus im Militär.“ In: Vogt (Hg.): Militär als Lebenswelt 11. Opladen, 1988) systematisch gefährdet. Wie geschieht das? Soldaten werden durch Befehl und Gehorsam passiv bewegt, und das ist in unserer Kultur weiblich codiert. Ebenso enthält die formale Ordnung im Militär weiblich codierte Anteile: etwa putzen, Spindordnung, Kleiderordnung (vgl. Erdheim: „’Heiße’ Gesellschaften und ‘kaltes’ Militär.“ In: Kursbuch 67, 1982). Das Militär vernebelt diesen Zusammenhang, indem es verspricht, daß der einzelne Mann über das Militär an Männlichkeit gewinnen könne. Dies geschieht über die Phantasie, der militarisierte Mann sei der besonders potente Mann (Goldmann: „The Changing Role of Women in the Armed Forces.“ In: Am. J. of Soc. 78, 1973). In Wahrheit geht es um die Quadratur des Kreises, und diese kann bekanntlich nicht gelingen. Es geht um Potenz durch Unterwerfung. Diese Unterwerfung hat einen doppelten Boden, dadurch daß sie kollektiv erfolgt. Ihre Bedingung ist, zumindest in der Grundausbildung, auch die Entindividualisierung (vgl. Albrecht-Heide u. a.: Militärdienst für Frauen? Frankfurt/Main, 1982). Damit meine ich scheinbar so selbstverständliche und doch abgründige Aspekte wie- Jeder Soldat läßt seine zivile Identität (zumindest teilweise) hinter sich; es geht nicht um den Facharbeiter, Handwerker oder Studenten, sondern um den Rekruten. Er trägt eine Uniform; er führt ein in der Regel abgeschlossenes und formal reglementiertes Leben. Die Einfügung in den militärischen Zusammenhang erfolgt serienmäßig, d. h. in einer Gruppe, und gleichförmig. Mit jeweils gleichen Methoden sollen aus Neulingen möglichst Institutionsangepaßte geformt werden. Für den Soldaten bewirkt dies in dieser Phase die Aufgabe seiner bisherigen, zivilen Identität bzw. die Neutralisierung des Mitgebrachten.

Die militärisch unterstützte, männliche Identitätsschwäche wird durch Phallussymbole, im schlichtesten Falle das Gewehr, (scheinbar) kompensiert. „Präsentiert ... das ... Gewehr!!“ ... um zu zeigen, daß es nicht geladen ist. Der Zwiespälte sind kaum ein Ende, denn in dieser symbolischen Handlung wird die aktuelle Kampfunfähigkeit dokumentiert. Diese Logik der entindividualisierten Männlichkeitsmaschine wird u. a. in einem öffentlichen Gelöbnis inszeniert. Durch die feierliche, topographische Verschiebung nach oben - die gemeinsame Bekundung der Unterwerfung wird, 'phallisch' ausgestattet, gleichsam auf einen Sockel gestellt - wird diese partiell der Wahrnehmung ent-rückt. Der Blick darauf wird ver-rückt.

Die feierliche Ent-Rückung als Initiationsritual für das staatliche Gewaltmonopol Militär, in der es um potentielles Töten und Getötetwerden geht, lenkt genau hiervon ab. Dies geschieht auf mehrfache Weise: Initiationsrituale sind Brücken für einen harten Übergang von einer Lebens-/Statusstufe zur anderen. Sie versprechen Teilhabe an etwas bis dahin Unzugänglichem; und als Rituale entziehen sie sich der Vernunft und der Nüchternheit. Zugleich unterstellen sie Normalität und stellen diese auch mit her. Es geht (auch) um emotionale Metamorphose, die nicht mehr gerechtfertigt werden muß und die in ihrer partiellen „Flach-Romantik“ kitschverdächtig bleibt. Potentieller Tod und phallische Ästhetik - Fahne, Gewehre, Strammstehen, Sprechchor (Gelöbnis) - gehen eine dem Diskurs weitgehend entzogene Mischung ein. Für eine Demokratie bleibt diese Form daher beunruhigend und unpassend.

Astrid Albrecht-Heide