Home
Wehrpflichtinfos
Spenden
Presse
Materialien
Verein
Links

   


Kampagne gegen
Wehrpflicht, Zwangs-
dienste und Militär

Kopenhagener Str. 71
10437 Berlin

Kontakt
 
Kampagne

Verständnis
Kontakt
Konto
 
 
 
 
 
 
Warum "Zapfenstreich"?
Geschichte eines Rituals


Ein Zeichen, dass die Nachtruhe beginnt? Großer Zapfenstreich, Generalprobe am 24.10.2005. Foto: kappa photo
Der Zapfenstreich entstand zuerst in den Landsknechtsheeren als Zeichen, dass die Nachtruhe im Feldlager beginnt. Der "Profos" (Verwalter der Militärgerichtsbarkeit) macht in Begleitung eines "Spils", bestehend aus Trommler und Pfeifer, einen Rundgang durch die Schenken und übte dabei einen Streich auf den Zapfen des Fasses aus. Danach durfte nichts mehr an die Soldaten ausgeschenkt werden. Später fiel der Rundgang weg, der Zapfenstreich wurde einfach zu einem Abendsignal. Der Verstoß gegen den Zapfenstreich stand unter Strafe.

Der Große Zapfenstreich in zeremonieller, genauer: ritualisierter Form nahm während der Freiheitskriege gegen Napoleon Gestalt an. Ausgangspunkt war die Schlacht um Großgörschen am 2.5.1813, in der auf der einen Seite die verbündeten Streitkräfte der Preußen, Württemberger und Russen standen, auf der anderen das Napoleonische Heer. Die Schlacht verlief äußerst blutig und verlustreich für beide Seiten. Blücher und Scharnhorst wurden beide verwundet; Scharnhorst starb später an den Folgen. Die Schlacht wurde am nächsten Tag nicht fortgesetzt, da die Gefahr einer Umklammerung durch Napoleon zu groß war. Mangel an Munition und Erschöpfung der Truppen bewogen die Befehlshaber der Verbündeten, den Kampf abzubrechen und sich zurückzuziehen. Die Verluste auf Seiten der Verbündeten lagen bei 10.000 bis 15.000 Mann, auf französischer Seite bei 20.000 bis 30.000 Mann. Am Abend nach der blutigen Schlacht stimmte eine Gruppe von überlebenden russischen Soldaten einen Choral an. Die Stimmung und die überwältigenden Gefühle veranlassten Friedrich Wilhelm III. zu seiner Kabinetsordre vom 10. August 1813, mit der der Zapfenstreich als quasi-religiöses Ritual institutionalisiert wurde. Friedrich Wilhelm Wieprecht, Direktor aller Musikkorps des Preußischen Gardekorps, entwickelte die Grundstruktur des Großen Zapfenstreichs. Zu Ehren des russischen Zaren Nikolaus I. wurde dieser am 12. Mai 1838 mit etwa 1.000 Musikern und 200 Trompetern zum ersten Mal in Berlin aufgeführt, ab 1871 dann alljährlich zu Kaisers Geburtstag veranstaltet. Ein Choral war Bestandteil des Großen Zapfenstreichs, schon bald mit der Musik eines russischen Militärgebets, die dann mit dem Choraltext "Ich bete an die Macht der Liebe" unterlegt wurde.

Durch die Verbindung von feierlichem militärischen Gepräge, Choral und „vaterländischen“ Musikstücken wurde der Große Zapfenstreich in den zwanziger und vor allem dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Höhepunkt militärischer Großveranstaltungen. Im NS-Staat verfügten die Standortdienstvorschriften von 1939, dass der Große Zapfenstreich nur von der Wehrmacht und der SS-Verfügungstruppe, einer kasernierten Sondertruppe der SS, aufgeführt werden durfte, nicht aber z.B. von der Polizei. Im Großen Zapfenstreich der Waffen-SS (in der u.a. die SS-Verfügungstruppe aufging) blieb makabrerweise der Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“ enthalten. Auch die Bundeswehr benutzt ihn im Großen Zapfenstreich, wo er nach dem Befehl „Helm ab zum Gebet“ und dessen Ausführung intoniert wird.

Das Ritual wurde in der BRD durch die Hintertür wieder eingeführt, bei einer Polizeischau 1951 in Berlin, an deren Ende ein "musikalischer Ausklang" stand - der "Große Zapfenstreich“. Der Bundesgrenzschutz folgte 1952, und sobald die Bundeswehr aufgestellt war, auch sie (1957). Auch die andere deutsche Armee, die NVA, führte das Ritual in den Jahren 1961 bis 1981 durch, formal eng an das traditionelle Vorbild angelehnt. Die christlich-religiösen Bestandteile wurden zwar entfernt, und in seinen gesprochenen Bestandteilen wurde der Zapfenstreich den Opfern von Faschismus und Militarismus gewidmet, doch entgegen dieser Bekundung blieb der Zapfenstreich auch in der DDR ein militaristisches Ritual. Der "Yorcksche Marsch" blieb Bestandteil, auch bei der NVA, und ist es bis heute bei der Bundeswehr. Auf die durch ihn verkörperte preußische Tradition können sich Militärs mühelos einigen. Den Ablauf des Zapfenstreichs regelt eine Zentrale Dienstvorschrift. Die Einführung des militärischen Zeremoniells wurde bei der Wiederbewaffnung der BRD kontrovers diskutiert. Sowohl von politischer als auch militärischer Seite wurde auf den exzessiven Gebrauch im NS-Staat verwiesen, wo man auf das Exerzieren, Bestandteil und Grundvoraussetzung des militärischen Zeremoniells, besonderen Wert legte und sich dadurch höhere Disziplin erhoffte. Überdies waren Machtabbildung und -darstellung durch Militärrituale und -paraden wichtiger Bestandteil der Militarisierungs- und Kriegsvorbereitungspropaganda. In der Geschichte der BRD kam es immer wieder zu Widerstand gegen Militärrituale in der Öffentlichkeit, erinnert sei an das öffentliche Gelöbnis in Bremen 1980, den Großen Zapfenstreich zum 40. Gründungstag der Bundeswehr in Bonn 1995 und die Berliner GelöbNIXE.

Wir meinen:
Für die deutsche Armee und die Militärmusik ist der Große Zapfenstreich das wichtigste Zeremoniell für jede Gelegenheit. Mit dem militärischen Zeremoniell wird exemplarisch Staatsmacht demonstriert und religiös verklärt: „Helm ab zum Gebet“. Wir lehnen Rituale wie den Großen Zapfenstreich in Ausführung und Symbolik ab. Das Zeremoniell führt preußische Militärtraditionen fort. Wir verstehen es als ein offensichtliches Bekenntnis zur Militarisierung der deutschen Außenpolitik. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Militär (Krieg, Mord und Totschlag, Gewalt gegen ZivilistInnen, Auslandseinsätze, Rohstoffabsicherung) wird vermieden, statt dessen in bedeutungsschwangerer Atmosphäre bei Fackelschein dem Soldatentum gehuldigt, um einverständige Gefühle bei den BetrachterInnen zu erzeugen. Militärische Leitbilder, autoritäre Ordnungsstrukturen und staatstragende Überzeugungen sollen bejaht, nicht hinterfragt werden. Gefühle statt Information - so soll die Lüge, dass Militär nicht mit Krieg zu tun habe, sondern mit Frieden, Wahrheit werden.

© Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär

Zum Zeremoniell des Zapfenstreichs
Gelöbnisse und andere Rituale
GelöbNIXe
Der 20. Juli 1944, die Bundesrepublik, die Bundeswehr
Aktualität von Militärritualen