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Nummer: 30/00

AutorIn: Ralf Siemens

eMail: info@Kampagne.de
Datum: 12.07.2000

Berliner Gelöbnis im Hochsicherheitstrakt

Vor 1.200 geladenen und handverlesenen Gästen werden 200 Soldaten am
20. Juli 2000 ein Gelöbnis ablegen. Der Gelöbnisort wird ein Parkplatz in unmittelbarer Nähe zum Bendlerblock sein. Die Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär wendet sich entschieden gegen jedes Gelöbnis.

Gelöbnisse symbolisieren Entmündigung sowie die Unterordnung des Einzelnen unter das Prinzip von Befehl und Gehorsam. Die Rekruten sind in der Zeremonie sichtbar ihrer Persönlichkeit beraubt: Marschieren im Gleichschritt, Stillstehen auf Befehl, Befolgen der Kommandos eines Offiziers und chorales Nachsprechen einer quasi-religiösen Formel stehen für die erzwungene Unmündigkeit. Diese Zeremonie ist ein Beitrag zur Militarisierung der Gesellschaft. Die Öffentlichkeit wird an den Anblick marschierender Soldaten gewöhnt.

Wir wenden uns darüber hinaus gegen die Verknüpfung dieses vordemokra-tischen Rituals mit dem Tag und Ort des gescheiterten Putschversuchs. Die bewußte Herleitung einer Traditionslinie vom 20. Juli zur Bundeswehr offenbart ein einseitiges und undemokratisches Geschichtsverständnis: Viele der Mitverschwörer waren an Verbrechen der Wehrmacht direkt beteiligt. Ihr „Aufstand des Gewissens“ galt der Rettung der Ehre der deutschen Nation und der Wehrmacht. Er erfolgte erst mit der sich abzeichnenden totalen militärischen Niederlage des Deutschen Reiches. Der Berliner Sitz des Verteidigungs-ministeriums ist der Bendlerblock. Von hier aus sind die verbrecherischen Kriege der Wehrmacht seit 1938 vorbereitet und geplant worden.

Statt sich dieser Geschichte zu stellen, versucht die Bundeswehr diesen Ort und diesen Tag zum vorbildlichen Symbol des „deutschen Widerstands“, so Rudolf Scharping, zu verklären. Die verbrecherische Wehrmacht wird zugleich durch das Bild einer „besseren Wehrmacht“ aufgewertet.

Gleichzeitig werden die entschiedensten Akteure gegen den Krieg ausgrenzt. Von der NS-Militärjustiz wurden mehr als 46.000 Todesurteile wegen „Desertion Wehrkraftzersetzung und Kriegsdienstverweigerung“ ausgesprochen, mehr als 20.000 wurden vollstreckt. Die konsequente Verweigerung der aktiven Teilnahme am verbrecherischen Krieg der Wehrmacht ist ein vorbildliches Verhalten des Einzelnen. Die Bundesregierung und die Bundeswehr ehren stattdessen Menschen, deren Motivationen weder demokratisch noch antifaschistisch waren.


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